MEDIENIMPULSE Call 3/2020: Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Medienpädagogik?

Im Empfehlungspapier „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“ des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderungen (WBGU) empfiehlt dieser zu Beginn, die Digitalisierung ausdrücklich in den Dienst der Nachhaltigkeit zu stellen:

“Ohne aktive Gestaltung birgt der globale digitale Wandel das Risiko, die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit weiter zu beschleunigen. Ohne Regulierung und demokratische Kontrolle kann er auch den Zusammenhalt unserer Gesellschaften gefährden, Grund- und Menschenrechte verletzen und unsere Demokratien schwächen. Nur wenn die Nutzung digitaler Technologien in eine Strategie nachhaltiger Entwicklung eingebettet wird, kann sie auch einen positiven Beitrag für unsere gemeinsame digitale Zukunft leisten” (WBGU 2019).

Bisherige Diskurse um Medienbildung und -pädagogik oder Digitalisierung und Lerntechnologie haben den Aspekt der Nachhaltigkeit nicht systematisch aufgegriffen. Auch eine interdisziplinäre Vernetzung mit didaktischen Konzepten wie der ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘ ist bislang ausgeblieben. So steht die drängende sozioökologische und medienpädagogische Frage nach der diesbezüglichen Zuständigkeit oder Verantwortlichkeit im Raum. Parallel dazu scheint das Themenfeld um Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Medienpädagogik einen breiten Blick auf die weitreichenden Verbindungen dieser drei Begriffe einzufordern. Dabei scheinen uns kursorisch fünf Bereiche der Nachhaltigkeit von besonderem medienpädagogischem Interesse zu sein:

  1. Digitale Technologie ist gerade angesichts von Bildung häufig jene Brille, mit der wir die Welt sehen. So ermöglichen es z. B. erst algorithmenbasierte Modelle des globalen Klimas mannigfaltige Einzelbeobachtungen zu einem allgemeinen Mosaik zusammenzufügen und „natürliche“ Abläufe in der Vergangenheit sowie den prognostischen Blick in die Zukunft zu ‚berechnen‘ und damit zu ‚begreifen‘. In diesem Sinne finden auch im Unterricht alltägliche Betrachtungen der Lebenswelt häufig durch die Smartphone-Kamera statt. Unserer Wahrnehmung der Erde ist angesichts der Digitalisierung – fast immer – eine digitale Linse eingesetzt. Oder anders formuliert: Natur kann auch als soziokulturelles Konstrukt und Naturwahrnehmungen als durch soziokulturelle Bedingungen und Technologien mediatisiert verstanden werden. Und dieser Umstand sollte direkt in die Unterrichtspraxis umgelegt werden.

  2. Digitale Technologie bringt selbst einen enormen ökologischen Fußabdruck mit sich. Betrachtet man die gesamte Produktionskette digitaler Technologie, die Nutzung derselben sowie die Weiterverwendung, Entsorgung bzw. das Up- und Recycling unter einer kritischen, ökologischen und postkolonialen Perspektive, so drängen sich zahlreiche Problemfelder auf: von Arbeitsbedingungen bei der Technologieherstellung über geplante Obsoleszenz bis zur CO2-Emmission von Streaming-Diensten und der sozioökologischen Gestaltung von Unterrichtsräumen. Hier gilt es den bisherigen Digitalisierungsdiskurs gerade im Blick auf das Bildungssystem um das Verhältnis von Medienmaterialität und Umwelt zu erweitern.

  3. Medien ist in ihrer Funktionalität per se die Speicherung, Archivierung und das Verfügbarmachen von Informationen respektive Daten eingeschrieben. Im Kontext der Nachhaltigkeitsproblematik könnte also auch danach gefragt werden wie ‚nachhaltig‘ die konkrete Speicherung von Daten – und seien es jene Daten, die über Schülerinnen und Schüler erhoben werden – durch digitale Technologie im Vergleich zu analogen Verfahren ist. Erneut kann hier die Verbindung zwischen Natur und Technologie in zwei Richtungen untersucht werden: Denn Technologie kann Natur zerstören, wie Natur auch zivilisatorisch entwickelte Technologie vernichten kann. Allenfalls hinterlässt beides Spuren. Oder mit Parikka formuliert: Die Nutzung digitaler Medien „remain(s) scattered“ in der Natur.

  4. Schließlich kann und muss digitale Technologie als mögliches Werkzeug zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen wie dem Klimawandel gesehen werden. So scheint es schwierig zu sein, die Balance zwischen einer „unberührten Natur“ und dem nachhaltigen Einsatz digitaler Technologien zu halten. Unter dem Schlagwort Geo-Engineering werden etwa Konzepte entwickelt, um die Hochatmosphäre mit Schwefelpartikeln anzureichern, die dann einen abkühlenden Effekt auf das Klima erwirken sollen. Wenn wir – etwa im Bereich der Wettersteuerung – beginnen den Planeten Erde und die klimatischen Bedingungen mit Hilfe digitaler Technologie zu verändern, dann bekommen alle Naturereignisse einen unnatürlichen Beigeschmack, dann muss die Frage nach den Dichotomien Natur/Technologie, Mensch/Natur, Mensch/Technologie auch aus Sicht der Medienpädagogik unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit erneut gestellt werden. Denn all diese Problemfelder müssen aus medienpädagogischer und sozialökologischer Perspektive möglichst einfach gefasst werden, um sie für den Unterricht aufbereiten zu können.

  5. Zu guter Letzt kann und soll im Sinne einer universellen (Medien-)Ethik über eine mögliche Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur und d. h. auch gegenüber anderen diskutiert werden. Hier tritt dann etwa auch das Schlagwort des Anthropozäns oder des Mediazäns Ist der Mensch zum größten Einflussfaktor auf die biodynamischen Prozesse des Planeten Erde geworden? Oder überschätzt sich – etwa angesichts der COVID-19-Krise – die Menschen nicht maßlos? Welche Formen krisenaffinen Erzählens lassen sich medienübergreifend nachweisen und gewinnbringend analysieren? Fragen, welche durchgängig das Verhältnis von Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Medienpädagogik berühren.

Was heißt es nun auf allgemeinster Ebene sich in den Dienst der Nachhaltigkeit zu stellen? Mit Verweis auf den englischen Begriff Sustainability kann – die genannten fünf Bereiche umfassend –unter Nachhaltigkeit die Verbindung einer ökologischen, ökonomischen und sozialen Perspektive verstanden werden, die sich daran orientiert die Lebenswelten der Menschen möglichst unbeschadet zu erhalten, damit die Lebensgrundlage für nachkommende Generationen gesichert bleibt. Diese Verantwortung gilt es zu übernehmen.

Entlang dieser Überlegungen hat sich die Redaktion der MEDIENIMPULSE entschlossen mit der dritten Ausgabe 2020 dem Thema Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Medienpädagogik? eine eigene Schwerpunktausgabe zu widmen. Dabei stellen wir folgende Fragen in den Raum:

  • Kommt der Medienpädagogik im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung der Digitalisierung eine Verantwortung zu? Oder anders formuliert: Kann sich die Medienpädagogik zukünftig dieser Verantwortung entziehen? Gilt es den Diskurs darüber zu intensivieren und interdisziplinäre Brücken zu bauen?

  • Welche disziplinären, methodologischen oder methodischen Schwierigkeiten könnte es bei der Etablierung eines interdisziplinären Diskurses der Nachhaltigkeit im Rahmen der Medienpädagogik geben?

  • Wie können wir den Transfer von einem wissenschaftlichen Diskurs über Digitalisierung und Nachhaltigkeit in die pädagogische Praxis schaffen und dort nicht nur für das Thema sensibilisieren, sondern auch tatsächlich nachhaltigeres Medienhandeln anregen?

  • Welche nachhaltigen Unterrichtsmaterialen werden bereits verwendet oder können für eine soziale und ökologische Zukunft modelliert werden?

  • Wie müssen Konzepte und Theorien um Bildung in einer digital-vernetzten Welt unter dem Vorzeichen der Nachhaltigkeit erweitert, adaptiert oder reformuliert werden?

  • Welche künstlerischen oder pädagogisch-praktischen Projekte gibt es, die Aspekte von Nachhaltigkeit und Digitalisierung im Kontext der Medienpädagogik zusammenführen?

Die Herausgeber des Hefts sind

Alessandro Barberi, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg / Universität Wien
(alessandro.barberi@medienimpulse.at)

Nina Grünberger, Pädagogische Hochschule Wien
(nina.gruenberger@medienimpulse.at)

Klaus Himpsl-Gutermann
(klaus.himpsl-gutermann@medienimpulse.at)

Thomas Ballhausen
(thomas.ballhausen@medienimpulse.at)

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  • Redaktionsschluss: 25. August 2020
  • Erscheinungsdatum: 21. September 2020